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Zahnreinigung: Ein Drittel der Zahnärzte zocken bis 180 Euro ab

Seit einigen Jahren predigen Zahnärzte mittels zahlreichen PR-Aktionen, die Deutschen sollten den Zahnarzt vorbeugend nutzen und nicht abwarten, bis schmerzhaft teure Nachbehandlungen durch Kariesbefall & Co. notwendig werden. Das Wort Prophylaxe ist in aller Munde. Die Praxen von Flensburg bis Garmisch sind nun gerammelt voll mit „vorbeugenden Patienten“. Doch immer mehr Bürger fühlen sich spätestens beim Blick auf die Zahnarztrechnung abgezockt. Und das mit gutem Grund, wie nun eine bundesweite Studie des Finanz-Verbraucherportals geld.de ergeben hat. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine professionelle Zahnreinigung nicht, deshalb müssen ungefähr 73 Millionen Deutsche privat die Rechnungen begleichen.

Für die Studie wurden bundesweit 273 Zahnarztpraxen in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern und Gemeinden mit mindestens 3500 Einwohnern befragt. Die Interviewer stellten immer die gleiche Frage: Wie viel zahlt man als gesetzlich Versicherter für eine professionelle Zahnreinigung?

So rechnen der Studie entsprechend 34 Prozent aller deutschen Zahnärzte zwischen 80 und 180 Euro für circa eine Stunde gründliches Zähneputzen von den gesetzlich Versicherten ab. 16 Prozent kassieren zwischen 110 und 180 Euro. Privatpatienten müssen teils an die 200 Euro löhnen. Für die Anhänger der guten alten D-Mark: Das wären circa 400 DM! Rabatte gewähren mehr als 80 Prozent aller Zahnärzte in Deutschland auch nach jahrelangen Zahnreinigungs-Besuchen kaum. In einem besonders krassen Fall machte ein Zahnarzt den Studiendurchführenden das Angebot, nach fünf Jahren – also etwa 10 Behandlungen mit 1000 Euro – eine Session kostenlos zu bekommen. „Bei uns gibt’s keine Rabatte. Da müssen Sie mal die Zahnfee fragen“, teilte eine andere Praxis mit. In einem weiteren dreisten Fall meinte ein Arzt in Ludwigshafen, man müsse 14 Tage im Voraus bezahlen und bekäme dann immerhin 15 Euro Rabatt. Da kauft der Kunde die berühmte Katze im Sack, ohne zu wissen, ob sich die Reinigung wirklich lohnt. Ein Zahnarzt-Kollege rheinabwärts in Mainz gibt „großzügige“ 5 Euro Rabatt bei sofortiger Barzahlung. In einer Nürnberger Praxis bekommt man bereits nach jeder 5. Behandlung eine „Gratissitzung“. Im thüringischen Tiefenort erhält der Patient nach der 5. Behandlung einen „Mundhygieneartikel“, also ein Werbegeschenk, mit auf den Heimweg. Das nennt sich wirkliche Kundenbindung.

Doch nicht alle Zahnärzte machen den dicken Reibach. Einige sind auch erstaunlich günstig. Im bayerischen Ingolstadt, im ostthüringischen Nobitz, im pfälzischen Schönenberg-Kübelberg oder in Erndtebrück in Nordrhein-Westfalen zahlen Patienten nur 20 Euro für eine Zahnreinigung.

Keine Überraschung ist, dass die Reinigung der „Beißer“ in der Welt- und Promistadt München mit bis zu 180 Euro am teuersten in Deutschland ist. Doch auch in provinziellen städtischen Gefilden wird kräftig zugelangt. Beispiel Aachen: Hier klingeln die Kassen nicht nur bei den Bäckern der berühmten Lebkuchen. Auch in der Stadt „Karls des Großen“ lässt sich ein Zahnarzt die Entfernung von Zahnstein oder den Einsatz von Salzstrahlreinigung mit 180 Euro vergüten.

Wer denkt, im Dorf sei alles heile Zahnarztwelt, irrt. Bewegen sich in den deutschen Städten die Kosten für Zahnreinigung zwischen 20 und 180 Euro, ist es in den Dörfern mit 20 bis 130 Euro nicht viel billiger. Oft genießen Zahnärzte in kleineren deutschen Gemeinden nicht nur monopolartige Stellungen, sondern auch ein Ansehen, das sich mit dem des kirchlichen Gottvaters messen kann. Das lässt – auch da ähneln sich die beiden Berufsgruppen – oft den Rubel rollen. Schamlos könnte man allerdings das Verhalten einer Zahnarztpraxis in der sachsenanhaltinischen 8000-Seelengemeinde Biederitz bezeichnen. Sie diktierte dem anonymen Interviewer am Telefon 130 Euro pro Zahnreinigung in den Block. Sachsen-Anhalt gehört zu den einkommensschwächsten Bundesländern Deutschlands. Wirklich verschaukelt müssen sich Patienten vorkommen, wenn, wie in einer Leipziger Zahnarztpraxis geschehen, die Arzthelferin am Telefon säuselnd erzählt, man biete mit 99 Euro ein günstiges „Sommer-Special“ an, sonst wären 120 Euro fällig. Damit ist widerlegt, dass der Osten Deutschlands generell billiger ist, als der Westen.

Am teuersten sind Zahnarztpraxen im Durchschnitt im Bundesland Berlin. Hier zahlen laut geld.de Kassenpatienten 81 Euro für die Zahnreinigung – im Durchschnitt. In der Stichprobe verlangte die teuerste Praxis 120 Euro für eine Sitzung. Ähnlich happig ist es in der Alsterstadt Hamburg. Am günstigsten bekommt man glatte und saubere Zähne in Thüringen. Zwischen Kyffhäuser und Thüringer Wald zahlt man im Schnitt nur 54 Euro. Günstiger ist kein Bundesland. In den alten Ländern können sich die Menschen vor allem im Saarland glücklich schätzen. Hier kostet die Zahnreinigung im Schnitt 57 Euro.

Geprüft wurde in der Studie auch die Qualität der Beratung: Gecheckt wurden die Kompetenz und Freundlichkeit. Hier gab es teils sehr große Unterschiede. Übel: Oftmals wollten die Zahnarztpraxen am Telefon keine Kosten nennen. Viele versuchten die Kunden gar zu einem Praxisbesuch vor der eigentlichen Zahnreinigung zu überreden. Das bringt den Zahnärzten dann das doppelte Honorar – Beratungssitzung und Putzsitzung. Übrigens: Öfters als zwei Mal im Jahr sollte man eine professionelle Zahnreinigung laut Friedrich Wiedemann*, Versicherungsfachmann von geld.de, nicht durchführen: „Damit schädigt man die Zähne und das Zahnfleisch“. Wenngleich die meisten befragten Zahnärzte angaben, man solle ein bis zwei Mal im Jahr die Zähne professionell putzen lassen, erklärten doch 188 von 273 Praxen man könne auch alle 3 bis 4 Monate eine gründliche Zahnreinigung bekommen. Dass dies schädlich sein kann, verschwiegen sie. 23 Praxen sagten gar, man solle einfach so oft kommen, wie man wolle. Auf Grund der steigenden Kosten für Zahnbehandlungen, auch für Zahnreinigungen, empfiehlt geld.de-Versicherungsfachmann Wiedemann*, sich möglichst in jungen Jahren nach einer Zahnzusatzversicherung umzuschauen. Derzeit seien die Tarife günstig. So könne sich eine 35jährige Frau schon für 12 Euro komplett absichern. Ein 40jähriger Mann bekomme die Leistung für 11 Euro.

Übrigens: In Deutschland verfügen Zahnarztpraxen-Inhaber durchschnittlich über 123.000 Euro Reinertrag pro Jahr, also persönlich verfügbares Netto-Einkommen. In West-Deutschland liegt dieser Betrag sogar bei 133.000, im Osten bei 94.000 Euro. Zum Vergleich: Die 20.000 Allgemeinmediziner in Einzelpraxen verfügen in Deutschland im Schnitt über 110.000 Euro Reinertrag (Quelle: Statistisches Bundesamt).

*Nach der Gebührenordnung für Zahnärzte gehören in der Regel durchschnittlich folgende Bereiche zu einer professionellen Zahnreinigung: Entfernen harter und weicher Zahnbeläge einschließlich polieren je Zahn (Nummer Gebührenordnung: 405), Konkremententfernung, Wurzelglättung etc. (407), Lokalbehandlungen von Mundschleimhauterkrankungen (402), Behandlung empfindlicher Zahnflächen (201), Untersuchung Parodontalbefall (001) sowie die Beratungsleistung (Ä1).

Einige dieser Punkte rechnen viele Zahnärzte einfach standardmäßig ab, obwohl zum Beispiel gar keine „Behandlung empfindlicher Zähne“ vorlag oder notwendig gewesen wäre. Das betrifft häufig auch die „Lokalbehandlung von Mundschleimhauterkrankungen“. Würden sich die Zahnärzte, wie es die Gebührenordnung vorsieht, an den einfachen Gebührensatz halten, dürfte eine Zahnreinigung eigentlich im Falle einer gründlichsten Reinigung durchschnittlich nicht mehr als 60 bis maximal 70 Euro kosten. Nimmt man Privatpatienten als Grundlage für die Kosten einer professionellen Zahnreinigung, so rechnet mittlerweile jeder dritte Zahnarzt bereits bis zum 2,3fachen Behandlungssatz auch für Kassenpatienten ab. Nach der BEMA (Bundeseinheitlicher Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen) dürfte zum Beispiel das Entfernen von Zahnstein an allen Zähnen bei Kassenpatienten lediglich 14 Euro kosten (lt. Ziffer 107).

Dass schon jeder dritte Zahnarzt mehr als 80 Euro abrechnet, liegt daran, dass die professionelle Zahnreinigung (PZR) keine Pflichtleistung von Zahnärzten für Kassenpatienten ist und damit die Rechnungsbeträge nahezu beliebig nach oben gesetzt werden können – zumindest solange, wie der Gesetzgeber hier nicht endlich regelnd eingreift. Denn um eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung kommt auch ein Kassenpatient nicht mehr, möchte er nicht später teure Nachbehandlungen von Zähnen durch Karies & Co. in Kauf nehmen. Früher gehörte die professionelle Zahnreinigung zum normalen Behandlungsumfang auch für Kassenpatienten. Erst in den vergangenen 10 bis 15 Jahren wurde dieser Bereich aus dem üblichen routinemäßigen Zahncheck ausgeklammert und zu einem separaten Geschäftsfeld der Zahnärzte in Deutschland ausgebaut.

P2News/unister

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