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Wenn Autos miteinander reden…

Die Vision stand am Ende der 1. Verkehrssicherheitstage des Motor Presse Club e.V. (MPC) in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften: In 20 Jahren werden die Autos direkt miteinander kommunizieren, um ihre Insassen sicher ans Ziel zu bringen. Bis dahin gibt es aber unter denen, die sich nicht mehr mit tausenden Verkehrstoten Jahr für Jahr in den 25 EU-Staaten abfinden wollen, noch sehr viel Gesprächs- und Handlungsbedarf. Aus diesem Grund hatte der MPC erstmals zu der wissenschaftlichen Tagung eingeladen, die nach Meinung renommierter Experten in der Automobilindustrie, an Universitäten, in Verbänden und in Ministerien längst überfällig war.

Jürgen Lewandowski, erster Vorsitzender des MPC, konnte gestern Abend nach zwei Tagen Diskussionen zum Thema „Wie viel Elektronik verträgt der Mensch – Fahrer zwischen Assistenz- und Störsystemen“ ein überzeugendes Fazit ziehen: „Diese Flut von Informationen, Kommentaren und Analysen zu den Chancen und Risiken von Fahrer-Assistenz-Systemen und dazu die überaus lebhafte Diskussionen über Gegenwart und Zukunft der Verkehrssicherheit hat uns alle positiv überrascht. Und ganz klar die Notwendigkeit aufgezeigt, künftig im Jahresrhythmus zu weiteren MPC-Verkehrssicherheitstagen einzuladen“. Eine interaktive TED-Abstimmung zeigte, dass eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer (81 Prozent) mit den Inhalten und dem Verlauf der zweitägigen Konferenz sehr zufrieden war – auch eine Bestätigung für das aktive Engagement der Kooperationspartner Volkswagen AG, Robert Bosch GmbH und Deutscher Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR).

Referenten, Diskussionsteilnehmer und Forum waren sich darin einig, dass die Verantwortung für Verkehrssicherheit letztlich alle gemeinsam tragen: die Verkehrsteilnehmer selbst, die Autoindustrie, die Fahrschulen, die Verbände, die Behörden und auch die Medien. Die Medienvertreter wurden von allen Seiten aufgefordert, wesentlich mehr über die komplexen und sehr hilfreichen Möglichkeiten moderner Assistenzsysteme zu berichten. Christian Kellner, Hauptgeschäftsführer des DVR, betonte zudem, dass Sicherheit auch eine Marketingaufgabe der Unternehmen sei. Gerade das Thema Fahrer-Assistenz-Systeme müsste auch in emotionalisierten Anzeigen dargestellt werden, um mehr Menschen zu erreichen. Nach den überaus guten Erfahrungen mit Rückhaltesystemen, deren gesetzliche Einführung vor nunmehr 32 Jahren heftig umstritten war, nach dem Siegeszug des Anti-Blockier-Systems (ABS), das auf Grund einer freiwilligen Selbstverpflichtung des Europäischen Automobil-Verbands (ACEA) seit Juli 2004 in jeden europäischen PKW serienmäßig eingebaut wird, sei nun die weitere Verbreitung des Elektronischen Stabilitäts-Programms (ESP) vordringliches Ziel, forderte Björn Dosch vom ADAC. Das vom Fahrer unbemerkt arbeitende System verhindert nachweislich viele gefährliche Situationen, in denen Autos sonst ins Schleudern gerieten oder von der Fahrbahn abkämen. Viele tausend Menschen hätten diesem System bereits ihr Leben zu verdanken und der gesamtwirtschaftliche Nutzen läge allein in den 25 EU-Ländern im zweistelligen Milliardenbereich, betonte Prof. Dr. Henning Wallentowitz von der RWTH, Aachen. Deshalb solle ESP vom Gesetzgeber lieber heute als morgen zwingend vorgeschrieben werden, spätestens 2009.

Regierungsdirektor Dr. Frank Albrecht vom Bundesverkehrsministerium hätte persönlich keine Probleme mit diesem frühen Termin. Er musste aber bekennen, dass solche Verfügungen nur noch auf europäischer Ebene möglich seien. Da müsse man bei der Umsetzung dieser verständlichen Forderung mit einer Frist bis 2012 oder gar 2013 rechnen. Dieser späte Einführungstermin, betonte Prof. Gunter Zimmermeyer von der Robert Bosch GmbH, stimme besonders betrüblich, weil ESP in den Vereinigten Staaten spätestens 2011 verbindlich vorgeschrieben werde. Das sei für Europa, wo das System erfunden wurde, ganz besonders bedauerlich. Schließlich werde ESP bei Bosch bereits seit 1995 in Serie hergestellt.

Derzeit wird in Europa nur jeder zweite Neuwagen mit ESP ausgeliefert, weil viele Käufer die zusätzlichen Kosten scheuen. Mitunter sogar lieber Alu-Felgen oder Metallic-Lackierung bestellten als eine so wichtige Sicherheitsausstattung, die schließlich nicht nur den Insassen direkt, sondern auch anderen Verkehrsteilnehmern zu Gute kommt. Einig waren sich die Experten aller Bereiche, dass eine verstärkte Aufklärung über die segensreiche Wirkung von ESP dringend erforderlich sei, eine Informationsoffensive der Vernunft – von den Herstellern über die Händler und Fahrschulen bis zu den Verbänden, Behörden und Medien. Auch an der Begriffsverwirrung mit den vielen unverständlichen Kürzeln oder endlos langen englischen Bezeichnungen müsse nachhaltig gearbeitet werden.

Vor allem bei kleineren und älteren Autos, die gerade von vielen besonders gefährdeten Fahranfängern gesteuert würden, ist die Ausstattung mit ESP noch sehr gering. Obwohl Versicherungsprämien für Autos mit ESP günstiger seien und sich die Mehrkosten nach drei bis vier Jahren amortisieren, wäre auch eine staatliche Förderung wünschenswert. „Wer sich für mehr Verkehrssicherheit einsetzt“, so Ulrich Klaus Becker, Vizepräsident Verkehr des ADAC, „muss mit Nachdruck staatliche Unterstützung fordern“. Darüber hinaus wurden auf dem MPC-Kongress auch viele Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel: Dürfen elektronische Systeme automatisch tätig werden, beispielsweise selbstständig Notbremsungen einleiten? Entmündigt das den Fahrer? Oder: Wer übernimmt bei Systemfehlern die Haftung? In jeden Fall, da waren sich die Tagungsteilnehmer einig, müsse die volle Verantwortung beim Fahrer bleiben. Assistenz-Systeme sollen entlasten, helfen und warnen, nicht aber den Fahrer zum passiven Passagier machen.

Zahlreiche Systeme werden derzeit entwickelt, zum Beispiel Nachtsichtsysteme und Abstandsradar mit Notbremsung und Spurthalte-Systeme, die vor allem bei Nutzfahrzeugen von besonderer Bedeutung sind. Einig waren sich die Experten, dass elektronische Hilfen die Fahrer nicht ablenken dürfen. Die volle Aufmerksamkeit gehöre der Fahrbahn, der Umgebung sowie dem Verkehr und nicht dem Umgang mit Navigations-, Unterhaltungs- oder Kommunikationssystemen. Im Übrigen sei das immer wieder an die Wand gemalte Gespenst der Risikokompensation bei zusätzlichen Sicherheitsmerkmalen im Automobil nicht signifikant in Erscheinung getreten. Dass ABS oder ESP die Masse der Nutzer dazu verleiteten, mit riskanter Fahrweise in neue Grenzbereiche vorzustoßen, habe sich nicht bestätigt.

Auch das Thema Übermüdung am Steuer ist auf dem Weg zum „Unfallfreien Fahren“ eine besonders wichtige Station. Der sogenannte Sekundenschlaf ist Ursache vieler Unfälle. „Wir können mit entsprechender Sensorik die Kopf- und Augenbewegungen des Fahrers erfassen“, erklärt Dr.-Ing. Matthias Rabe, Leiter Aufbauentwicklung der Volkswagen AG, „wir können auch aus dem Fahrverhalten – zum Beispiel Spur halten – Erkenntnisse gewinnen, aber die Sensorik muss hier noch weiterentwickelt werden.“ Auf keinen Fall, so Rabe, dürfe sich der Fahrer ständig überwacht fühlen.

Von der MPC-Tagung ging schließlich auch eine dringende Botschaft an alle Fahrerinnen und Fahrer, die noch immer der Meinung sind, sie könnten auf diese Systeme verzichten. Wer glaubt, es selber besser zu können, unterliegt einem gefährlicher Irrtum“, betonte Senator a.D. Volker Lange, Präsident des Verbands der Internationalen Kraftfahrzeughersteller. „Wer verantwortungsvoll am Verkehr teilnehmen möchte, sollte sich auch stets um den neuesten Stand der Technik bemühen. Wer Umweltschutz und Verkehrssicherheit fördern will, der kann mit dem Ersetzen von in die Jahre gekommenen Automobilen durch sichere, saubere und sparsame Fahrzeuge dazu einen ganz wesentlichen Beitrag leisten“. Auch hier wäre es wünschenswert, betonte Lange, dass die Politik die Verjüngung der Fahrzeuge durch steuerliche Anreize unterstützt. Die sei bei der eher rückläufigen Einkommensentwicklung vieler Menschen von ganz besonderer Bedeutung.

MOTOR PRESSE CLUB E.V, P2news

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