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Wenn Reform auf Realität trifft, dann knirscht es

Ausgerechnet am Tag der wuchtigsten Studentenproteste trafen sich im gediegenen Babelsberg hohe Herren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um gemeinsam mit den Studierenden den Bildungsstandort Deutschland hochleben zu lassen. Ministerpräsident Platzeck war da, der frühere Finanzminister Steinbrück und natürlich Hasso Plattner. Der Mitbegründer des Software-Hauses SAP hatte vor zehn Jahren das nach ihm benannte Institut HPI gegründet, eine der besten IT-Hochschulen Deutschlands. 50 Professoren kümmern sich um 450 meist hoch motivierte Studenten. Warum gibt es das Modell Plattner nicht überall im Land? Weil der Milliardär 200 Millionen Euro von seinem privaten Geld gestiftet hat. Umgerechnet 44.000 Euro pro Student und Jahr hat der Mäzen spendiert, womit der Preis von Exzellenz in der Informationstechnologie beziffert wäre. Das HPI hatte allerdings einen Startvorteil gegenüber herkömmlichen Universitäten: Es entstand aus dem Nichts. Gebäude wurden bedarfsgerecht konzipiert, Lehrkräfte mit Bedacht gesucht, Studenten von einer Auswahlkommission verlesen. Forschung und Lehre, Zukunftsblick und Effizienz stehen im Einklang. Die Frage nach Studiengebühren stellte sich hier gar nicht erst, weil die Absolventen einen ordentlichen Job so gut wie sicher haben. Es gilt: Lieber für eine gute Zukunft zahlen als gratis ins Bildungsproletariat rauschen. Im normalen Uni-Betrieb ist alles anders: Hier wird nicht neu gebaut, sondern Altes mühsam renoviert, selten bedarfsgerecht: Aus Treckern sollen plötzlich Rennwagen werden. Professoren, die bislang lieber forschten, müssen auf einmal wie Gymnasiallehrer arbeiten oder Drittmittel einwerben. Rektoren, die hingebungsvoll verwalteten, sollen wie Manager denken. Und Studenten, die vielleicht mal stolz sein wollten auf ihre akademische Ausbildung, entschuldigen sich heute ungefragt für ihren Bachelor-Studiengang. Das Reformpaket hatte zwei Ziele: Der Nachwuchs sollte schneller auf den Arbeitsmarkt geschoben werden, die Universitäten zugleich mehr Freiheit erhalten, um den Wettbewerb um Studierende aufzunehmen. Leider traf eine theoretisch ersonnene Reform auf die triste Realität der deutschen Hochschule – das Durcheinander ist derzeit zu besichtigen. Das breite Wohlwollen von Politik und Wissenschaftsapparat für die Studentenproteste bekräftigt die landesweite Verunsicherung noch. Die Probleme sind zwar offensichtlich, aber eine schnelle Lösung gibt es nicht. Denn das gute alte Studium ist abgewickelt, das neue aber taugt nicht viel. Es ist wie mit dem entkräfteten Schwimmer, der den Atlantik durchkreuzt: Auf halber Strecke ist die Umkehr ebenso aussichtslos wie stures Weitermachen. Der größte Konstruktionsfehler war es, alle Studiengänge gleich zu behandeln. Nun ist es an den Universitäten, bei jedem Fach individuell nachzusteuern. Eile ist geboten. Denn in zwei Jahren drängen die Doppeljahrgänge von den Gymnasien auf die Unis.

P2News/Berliner Morgenpost

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