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Nicht nur zwei Parteien haben in Schwerin viel verloren

Ein glücklicher Erwin Sellering kann sich den Koalitionspartner aussuchen, nachdem seine SPD kräftig zulegte. Doch das so klar erscheinende Ergebnis hat einen Schönheitsfehler: In Wirklichkeit haben nur weniger als 20 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme für die SPD abgegeben. Was an der geringen Wahlbeteiligung liegt – die natürlich auch die Ergebnisse der anderen Parteien relativiert. Da stellen sich unbequeme Fragen: Was wollen eigentlich die, die daheim geblieben sind? Nimmt unsere Demokratie durch solche Ergebnisse langfristig Schaden?

Dennoch triumphiert die SPD, auch mit Blick auf ganz Deutschland, zu Recht. Die schwarz-gelbe Koalition in Berlin hat eine Ohrfeige bekommen. Dies gilt angesichts ihres desaströsen Ergebnisses vor allem für die FDP. Ihr Bundesvorstand wird versucht sein, die Schuld in gewohnter Manier Guido Westerwelle zuzuschieben. Erfrischend gradlinig hingegen die Reaktion in Schwerin, wo der Landesvorsitzende der FDP sofort nach Vorliegen der ersten Hochrechnungen die Verantwortung übernahm und zurücktrat.

Neben den Grünen, die jetzt erstmals in allen Landtagen Deutschlands sitzen, schnitten die Extremisten rechts und links schockierend gut ab. Eine NPD, die deutlich vor der FDP liegt, und eine weiter wachsende Linkspartei sind neben der geringen Wahlbeteiligung ein schlechtes Zeugnis für die demokratische Reife in Mecklenburg-Vorpommern. Selbst Linke-Fehlleistungen wie Mauer-Verherrlichung und missratene Glückwünsche an Fidel Castro irritierten offenbar viele Wähler nicht.

Ausschlaggebend für das sonderbare Wahlverhalten ist neben der Strukturschwäche auch der demografische Wandel an der Ostseeküste, der sich sogar noch dramatisieren wird. Die Bevölkerungszahl von knapp zwei Millionen soll, so erwartet es das Statistische Bundesamt, bis 2050 auf 1,17 Millionen sinken. Die Situation wird also nicht einfacher.

Bedrückende Aussichten: Das, was derzeit in Mecklenburg-Vorpommern im Zeitraffer demografisch passiert, steht der gesamten Bundesrepublik ähnlich bevor: immer weniger Menschen in einer alternden Gesellschaft. Hoffentlich bedeutet das nicht, dass in 20, 30 Jahren die radikalen Kräfte überall so wie an der Ostseeküste erstarken.

P2News/Westdeutsche Zeitung

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