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Die Tarifrunde der Klinikärzte

Einer Minderheit anzugehören, kann ein mächtiges Privileg sein. Wer kann, was die meisten nicht können, ist rar und damit teuer. Auf diesem Vorteil basiert der wachsende Erfolg kleiner Splittergewerkschaften. Die Piloten blieben 2001 am Boden und erstritten 30 Prozent mehr Lohn. Die Lokführer legten den Zugverkehr lahm – elf Prozent. Nun sind wieder die Splittergewerkschaften an der Reihe. Oder hinkt der Vergleich?

Er hinkt insofern, als dass Klinikärzte über die Stunden, die da
in ihrem Arbeitsvertrag stehen, nur müde lächeln können. Sie arbeiten
in der Regel mehr als sie müssten und auch mehr als sie sollten. Wenn
sie deshalb mehr Geld verlangen, nutzen sie nicht einfach ihre Macht
aus, Krankenhäuser lahmzulegen. Denn dass ohne sie Menschen leiden,
ist gleichsam eine Bürde, die kaum angemessen entlohnt werden kann.

Andererseits führt der Marburger Bund alle Vorteile einer
Spartengewerkschaft ins Feld. Er droht schon mit Streiks, bevor der
Verhandlungspartner Luft holen kann. Und bevor die Ärzte überhaupt
daran denken. Dabei hat die Gewerkschaft ihr Meisterstück bereits
2006 gemacht: Seit dem ersten eigenständigen Tarifvertrag ist der
Marburger Bund anerkannter Verhandlungspartner. Als solcher könnte er
zum tarifpolitischen Jahresgeschehen übergehen. Stattdessen fordert
er, die Streikkeule schwingend, zehn Prozent, die keine Kommune
zahlen kann.

Wie Piloten und Lokführer reklamieren die Klinikärzte eine
Sonderrolle. Die weist ihnen die besondere Verantwortung ihres
Berufes auch zu. Gleichwohl nehmen sie in Kauf, dass ihre
Besserstellung Entbehrungen Anderer nach sich zieht. Die Klage der
Patientenverbände über zu wenig Pflegepersonal in Kliniken ist nicht
verhallt. In Zeiten fester Klinikbudgets geraten zwangsläufig weitere
Pflegestellen in Gefahr, wenn die Lohnkosten für Ärzte zu stark
steigen.

Man mag den Ärzten mehr Geld wünschen. Dem Marburger Bund Erfolg
zu wünschen, fällt schwer. Ihm haftet auch unter Ärzten der Ruch
einer Elitegewerkschaft an. Schließlich holte er 2006 vor allem für
die Oberärzte das Maximale heraus, während die unterbezahlten,
überarbeiteten Assistenzärzte im Streikzelt das Volk beschwichtigen
durften.

Hohe Forderungen stellen auch andere, auch die
Massengewerkschaften. So verlangt die IG Metall acht Prozent mehr
Geld in der Stahlbranche. Doch die boomt immerhin. Die meisten
Arbeitgeber der Klinik-ärzte, die Kommunen, erleben den Boom als
überschuldete Zuschauer.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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